Einmal Meer zum Mitnehmen bitte.

Vorbemerkungen

Zuerst –

das, was ich hier schreibe, ist eine Mischung aus Dingen, die ich gelesen/gehört habe und eigene Erfahrungen. Ich bin keine ausgebildete Psychologin, Therapeutin, Sozialpädagogin – sondern eine 26 Jährige, die sich seit knapp 6 Jahren im Schulfeld bewegt und Sonderpädagogik in Hamburg studiert hat.

Seid also nachsichtig, wenn ihr andere Dinge gelesen und oder gehört habt – es sind einfach Dinge, die mir persönlich geholfen haben; dass kann bei jemand anderem ganz anders aussehen! Schreibt mir gern eure Meinung dazu in den Kommentaren und lasst uns darüber sprechen, was uns dabei hilft, den Beruf genau das sein zu lassen, was es ist – ein Beruf.

Von dem Alltag eines Lehrers

ich denke, dass die meisten Lehrer Probleme mit dem „Schule mit nach Hause nehmen“ haben. Es ist einfach Teil des Berufes, eine „gute Beziehung“ zu den Schülern zu haben und diese „gute Beziehung“ bringt es nun mal mit sich, dass man die Kinder nicht nur mag, sondern sich auch um sie sorgt – und dabei nur allzu gern ihre Geschichten, Sorgen und Nöte mit nach Hause nimmt. Man verbringt so oft mehr Zeit mit ihnen als selbst ihre eigenen Eltern und ist daher auch oft so viel näher an diesen Kindern und Jugendlichen dran.

Und das ist auch gut und richtig so – schwierig für einen selbst wird es allerdings, wenn man die Geschichten der Kinder mit nimmt und sie nicht wieder los lässt. Wenn den ganzen Nachmittag die Gedanken kreisen – um Kamil, der wieder ohne Frühstück zur Schule kam, um Julian, der heute so komisch drauf war und dessen Eltern sich scheiden lassen, um Sina, die sich heulend auf dem Mädchenklo eingeschlossen hatte – und dann die Gedanken, die darauf folgen: Was kann ich tun? Wie kann ich den Kindern helfen? Wie geht es Julian in diesem Augenblick?

Und das macht einen irgendwann kaputt. So hart es auch klingen mag – genau diese große, überbrodelnde Emphatie, losgelöst von jeglicher Distanz lässt einen den Beruf „Lehrer“ irgendwann als Qual empfinden und ist – neben vielen anderen Dingen – sicher auch ein Grund dafür, dass nur ein Bruchteil unserer Zunft mit 67 in Rente geht.

Ziel & Ausgang

Das Ziel kann nicht sein, dass man die Geschichten der Schüler vergisst. Das man deren Probleme vergisst – und auch nicht, dass man sich selbst vergisst bei dem, was sonst so passiert. Man ist sehr häufig einfach nur ein ‚Gefäß‘ – für die Geschichten der Kinder, die einem Nahe gehen, weil man sie gern hat, weil man sie mag, weil sie einem Leid tun, diese Schüler, die, egal wie alt und wie taff, manchmal sehr kindlich wirken und in uns Urinstinkte anrühren, die wir nicht einmal kannten. Egal, ob man diese Geschichten nur „weiß“ – durch andere Lehrkräfte, durch Aktenlagen, durch Berichte. Oder ob man diese Geschichten von den Schülern selbst erfahren hat. Sie rühren einen an, und das dürfen sie auch.

Ich für meinen Teil könnte auch nicht damit leben, diese Geschichten nicht zu wissen – sie machen den Schüler ebenso aus wie seine Leistungen im Unterricht oder sein aktuelles Verhalten. Sie helfen beim Verstehen (Warum verhält sich Samia gegenüber anderen Schülern so abweisend?) und sie helfen auch dabei, Lösungen zu finden. Außerdem dürfen diese Geschichten mich berühren, weil ich ein Mensch bin. Ich bin nicht aus Stein, ich habe Gefühle, ich nehme diese Geschichten und Gedanken in mich auf – und das ist auch gut so.

Viel entscheidender ist jedoch, wie ich damit umgehe: Lasse ich mich als Person, mich als Lehrkraft und als Professionelle davon beeinflussen? Wird mein Leben, mein Alltag in und außerhalb der Schule davon bestimmt?

Was helfen kann

Räumliche Distanz.

So beschaulich und ansehnlich das kleine Städtchen ist, in dem ich arbeite – ich möchte da nicht wohnen. Ich finde es gut, dass ich eine halbe Stunde entfernt von der Schule wohne und das Einzugsgebiet weit genug von mir entfernt ist, dass ich nicht in Gefahr laufe, meinen Schülern (oder deren Eltern) nachmittags irgendwo zu begegnen; weder bei alltäglichen Dingen wie dem Einkaufen oder dem Tanken, noch bei der Post oder sonst wo.

Ich liebe diese räumliche Distanz aber auch, weil ich dadurch die Gelegenheit habe, runter zu fahren:

Ich kann mich ins Auto setzen, Musik anmachen und einfach für eine halbe Stunde abschalten. Nicht an Schule denken, sondern einfach für einen Moment im Hier und Jetzt verweilen. Und das funktioniert auf dem Hinweg genau so – wenn ich meine Wohnung verlasse, fange ich an, mich auf den Tag mit den Kindern einzustellen und habe eine halbe Stunde Zeit, genau das zu tun.

Kollegen.

Ich mag es, mich mit meinen Kollegen auszutauschen – seien es die Regelschulkollegen oder andere Sonderpädagogen. Ich mag die neue Sichtweise, die auf den Fall trifft, die Distanz, die Anderen manchmal so viel leichter fällt als mir und dann das große Verständnis dahinter. Denn in aller erster Linie sind wir alle Lehrer – wir alle haben mit ähnlich gelagerten Fällen zu tun, wir alle sind Professionelle auf unseren Gebieten und brauchen diesen Austausch.

Ich schätze den Austausch mit beiden Sparten – dennoch finde ich den sonderpädagogischen Austausch manchmal leichter. Es ist einfacher, sich mit jemanden über einen Fall zu unterhalten, der dasselbe Fachvokabular verwendet wie man selbst; der ähnliche Vorstellungen von Lernen und Schülern hat und dementsprechend häufig (nicht immer!) einen schneller versteht und wertvolle Tipps geben kann.

Der Austausch mit Regelschulkollegen ist mir als in der Inklusion arbeitenden Sonderpädagogin aber ebenso wichtig – mir gefällt es, dass ein Blick auf die Schüler so anders und doch so gleich sein kann. Außerdem sind sie häufig die besseren Experten – für ein Fach, für eine Methode, für eine Didaktik – und das durchaus manchmal sehr viel mehr, als wir Sonderpädagogen es sind, die in der Regelschule für alles und nichts zuständig sein können.

Sofern der Austausch auf Gegenseitigkeit beruht und man sich nicht nur noch mehr schlimme Geschichten anhören muss (was irgendwann – zwangsläufig – ins Jammern abdriften könnte) sondern konstruktiv mit den Geschichten der Kinder umgeht, hift er ungemein dabei, selbst nicht an diesen Geschichten zugrunde zu gehen.

Hobbys.

Der Klassiker unter den Kompensationsmitteln – und je nach eigenen Vorlieben kann dieser Klassiker sehr anders aussehen. Ich zum Beispiel bin eher der kreative Typ – ich zeichne, oder ich schreibe und kriege so – irgendwann – die Gedanken an Schule und an die Geschichten der Kinder aus dem Kopf. Natürlich kann auch musizieren, Sport oder alles andere, was irgendwann den Kopf leert und einem hilft, im Hier und Jetzt zu bleiben, hilfreich sein.

Verwandte, Partner, Freunde (auch die, die keine Lehrer sind).

Man hat nicht nur Kollegen für einen Austausch – manchmal hilft es auch, sich mit Menschen zu unterhalten, die weit weg von Schule sind. Dazu bieten sich natürlich Freunde an – auch wenn da manchmal sehr viel mehr Erklärung angebracht ist – es hilft, wenn man die Geschichten, die man von den Schülern weiß, weitergeben kann an Menschen, die sonst so gar nichts mit Schule zu tun haben. Sie haben meist zwar weniger Ideen auf Lager, wie man mit dieser oder jener Situation umgehen könnte, aber sie können trotzdem für einen da sein und dabei helfen, die Geschichten der Schüler zu akzeptieren und sie nicht zu den eigenen zu machen.

Inseln schaffen.

Was auch (und vor allem mir) hilft – Inseln schaffen. Inseln der Ruhe, der Aktivität – einfach Räume im Tagesablauf, die nur diesen einen Zweck erfüllen – in der Gegenwart sein. Bewusst werden. Gedanken leeren. Einfach nur DA sein, ohne so richtig SEIN zu müssen.

So merkwürdig es auch klingt – es hilft. Es hilft, einfach nur da sein zu müssen, ohne, das jemand (oder etwas) Aufmerksamkeit von einem fordert. Und ja; dazu gehört auch Handy & Internet! Für mich sind diese Inseln zum Beispiel Morgens, direkt nach dem Aufstehen. Wenn ich meine Jalousinen hochziehe, meine Fenster speerangelweit öffne und kurz dem Zwitschern der Vögel lausche. Natürlich sind auch dann Gedanken da – sehr viele. Ich schaue mir jeden einzelnen an und lasse ihn ziehen, und nach kurzer Zeit ist mein Geist für einen Moment wunderbar leer – und im hier und jetzt angekommen. Erst dann fange ich mit den Routinen des Alltags an, erst dann überlege ich, was an diesem Tag ansteht und erst dann stelle ich mich auf meinen Beruf ein.

Auszeiten.

Ich bin defintiv ein Naturmensch: Mein Heimatdorf hat weniger Einwohner als Kühe und als Kind habe ich jedes Wochenende und die allermeisten Ferien in einem Kurort an der Nordsee verbracht – oder im Stall. Je nachdem, was gerade anstand. Deshalb helfen mir auch solche kurzen Auszeiten vom Alltag – Zeit am Meer, Zeit in meiner Heimat, Zeit im Stall, Zeit mit dem Dackel meiner Eltern. Alle wichtigen Entscheidungen treffe ich auf einem Spaziergang mit dem Dackel, von jedem bisschen „Meerzeit“ zehre ich sehr sehr lange. Daher finde ich auch solche Auszeiten wichtig: Woanders sein. Da sein, wo es einem gut geht. Wo man dran Freude hat, wo man weit genug weg von dem Schulalltag ist, um ihn auch mal genau das sein zu lassen – Schulalltag.

Aus professioneller Sicht: Biografiearbeit

Ich fand Biografiearbeit immer ein faszinierendes Feld: Warum reagiert xy so auf mich? Auf meine Arbeit? Auf die Arbeit anderer?

Und – warum reagiere ich so, wie ich reagiere? Was „triggert“ mich? An welchen Stellen gehen mir die Kinder besonders nahe?

Ich denke, es erfordert ein recht reflexives Selbstverständnis, Biografiearbeit bei sich selbst durchzuführen, doch genau das ist vielleicht manchmal notwendig. Denn wenn ich verstehe, dass mich Julians Scheidungskindgeschichte so sehr mit nimmt, weil sich meine eigenen Eltern geschieden haben, als ich so alt war wie er, dann kann ich auch besser damit umgehen. Es hilft einfach ungemein, sich selbst mal unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, an welchen Stellen der eigenen Biografie solche „Angriffspunkte“ bestehen und wie man diese besser kompensieren kann.

Um bei dem Julian Beispiel zu bleiben:

Wie ist es mir selbst vor der Scheidung gegangen? Haben meine Eltern sich vielleicht viel gestritten und die Stimmung zu Hause war richtig schlecht?
Wie ging es mir nach der Scheidung? War es besser als vorher, weil sich niemand mehr gestritten hat?
Wie geht es mir jetzt mit der Scheidung meiner Eltern? Was hat sich geändert? Warum geht es mir damit gut oder nicht so gut?

Und wenn man diese Fragen für sich beantwortet hat, kann man auch ganz anders auf das entsprechende Kind zu gehen – man kann seine eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen sogar an das Kind heran tragen und ihm dadurch vielleicht helfen – auch wenn es einen selbst im ersten Moment vielleicht „verletzlich“ macht.

Wenn man die Geschichten der Kinder mitnimmt, weil man selbst ähnliches erlebt hat, sollte man alles dafür tun, diese Repräsentationen zu stoppen. Man ist nicht Julian. Man ist nicht Kamil. Man ist nicht Sina. Auch solche mentalen Bilder können ein Grund dafür sein, dass man Geschichten aus der Schule mit nimmt und sie einem vielleicht zu nahe gehen. Daher – Übertragung stoppen. Genauso schwer wie alles, was man eher unterbewusst tut – aber allein schon die Feststellung, dass es da ein Problem gibt, kann weiter helfen.

Und was bringt mir das?

Wir sind alle anders. Jeder hat seine eigene Art, mit diesen Geschichten umzugehen, jeder seine eigenen Strategien, Erfahrungen und Probleme damit gehabt und überwunden. Ich habe hier bewusst nur die Dinge genannt, die ich selbst auch tagtäglich nutze – natürlich wären Supervisionsrunden usw. eine gute und wichtige Ergänzung – aber das sind bisher eher nur Wunschträume. Deshalb würde ich  mich sehr freuen, in den Kommentaren von euch zu erfahren, was ihr tut, um die Geschichten aus der Schule nicht mit nach Hause zu nehmen und sie besser zu verarbeiten. Was hilft euch? Was tut ihr?

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